Virtual Humanity: Reiner Kraft über künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und eine Zukunft mit Robotern im Alltag

Woman with VR Glasses in front of sky

Robotik und maschinelles Lernen sind längst keine Seltenheit mehr und beeinflussen unseren Alltag genauso wie unsere Arbeit. Einst war Deep Technology auf Science-Fiction und Silicon Valley begrenzt. Heute sind die Wirkungen auch in ganz alltäglichen Bereichen zu beobachten – man denke nur an selbstauffüllende Kühlschränke. Reiner Kraft, VP Engineering of Search & Personalization bei Zalando, stellt sich den Fragen rund um diese dynamische Entwicklung.

Böse Zungen behaupten, VR habe kein Wachstumspotenzial. Besteht die Gefahr eines „Overhype“?

Mit Schlagwörtern wie KI und Internet der Dinge ist es kaum verwunderlich, dass ein Hype oder unrealistische Erwartungen entstehen. Für VR gilt das gleiche. Durch Fortschritte in der Welt des Gamings ist das Phänomen der Virtuellen Realität auch bei den Massen angekommen – sie wünschen sich für VR-Anwendungen für den Alltag, obwohl das volle Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Wir stehen noch am Anfang der Forschung zu Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz und virtueller Realität in der Praxis. Ein Beispiel ist ein Headset für unheilbar Kranke oder Senioren, das es ihnen erlaubt, mittels VR durch die Welt zu reisen. Die Versuchsperson für erste Tests konnte einfach nicht glauben, dass sie sich in einem fremden Land bewegte und gleichzeitig in ihrem Bett lag. Allein aus diesem Grund ist VR ein enormer Erfolg – die Technologie eröffnet Möglichkeiten, die vorher nicht da waren und ist relevant für Nischenindustrien, aber auch für unseren Alltag.

Zalando SE Reiner Kraft Zalando VP Engineering
Woman with VR glasses

Ein Beispiel: Es gibt heute weniger Telefongesellschaften als in den 70er Jahren, aber der Prozess der zunehmenden Automatisierung und die Handy- und Smartphone-Industrie, die daraus entstand, schuf auch eine enorme Menge neuer Karriere- und Geschäftsmöglichkeiten.

Was die Industrien betrifft – werden wir durch Robotik Massenarbeitslosigkeit erleben?

Durch entwickelte Technologien werden zwar Arbeitsplätze verloren gehen, aber auch neue entstehen – so war es bereits in der Vergangenheit und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Wenn Roboter mehr leisten können, werden bestimmte Jobs überflüssig werden. Menschen haben aber immer die Möglichkeit, der Entwicklung einen Schritt voraus zu sein, indem sie Neues lernen oder ihr Fachwissen vertiefen. Im Grunde geht es darum, dass sich die Menschen an eine sich entwickelnde Gesellschaft anpassen. Lebenslanges Lernen ist heute noch wichtiger als früher.

Es stellt sich zudem die Frage der wirtschaftlichen Machbarkeit: Was kostet eine Flotte von Robotern, und wie lange dauert es, bis sich diese amortisiert hat? Augenblicklich ist die Technologie teuer und die Entwicklung verläuft rasend schnell. So lange künstliche Intelligenz mehr kostet als menschliche Arbeitskraft, werden Menschen nicht so leicht zu ersetzen sein. Zudem wird KI es schwer haben, sich in Branchen zu behaupten, in denen menschliche Kreativität gefragt ist.

Ist eine Besteuerung von Robotern erforderlich?

Ich meine, einer Besteuerung von Robotern steht irgendwann nichts mehr im Wege. Autos werden besteuert, und auch der Treibstoff, der erforderlich ist, um sie zu fahren. Wenn wir so weit sind, dass wir einen Roboter zu Hause haben, können wir davon ausgehen, dass dieser registriert werden muss und damit eine Zulassung, eine Versicherung und eine Steuer auf uns zukommt. Diese potenzielle Entwicklung wird dann neue Arbeitsplätze in der Versicherungsbranche, bei der Vergabe von Zulassungen, der Registrierung, der Ausarbeitung neuer Gesetze und der Einrichtung neuer Behörden schaffen. Mit neuen Industriezweigen eröffnen sich immer auch neue Möglichkeiten.

Die EU schlägt vor, alle Roboter mit künstlicher Intelligenz mit „Killschaltern“ auszustatten. Ist das erforderlich?

Ein „Killschalter“ ist eine Basisfunktion, die solche Maschinen einfach haben müssen. Viele digitale Geräte, beispielsweise ein iPhone, sind mit einem Rückstellknopf ausgestattet. Das zeugt von gutem Design und erweitert die Benutzerfreundlichkeit. Maschinen haben Programmfehler, und wenn es sich um ein Gerät handelt, das in einem kritischen Bereich wie der Medizin arbeitet, gehört ein Rückstellknopf einfach dazu.

Diese Logik kann auch auf eine Alltagssituation übertragen werden. Vielleicht hat ja die Software meines Kühlschranks einen Programmfehler und das KI-System bestellt fünf Liter Milch pro Stunde. Ich will das unterbinden, aber einen Killschalter gibt es nicht. Ein Schalter, der die Maschine stoppt, ist hier notwendig, denn sie rettet mich davor, mit Milch überschwemmt zu werden.

fridge

Werden KI-Systeme in Zukunft miteinander in Geschäftsbeziehungen treten?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. In einer nicht sehr fernen Zukunft wird mein Kühlschrank Milch von einem Unternehmen kaufen können, dessen KI-System meinen Auftrag registriert und ausführt. Der Kühlschrank generiert Aufträge, die auf der Grundlage meiner Anweisungen erstellt werden; es ist also immer noch ein menschliches Element im Spiel.

 

E-Commerce-Unternehmen wie Zalando könnten diese Technologie ebenfalls nutzen. Ein KI-System könnte in meinem Namen als Kunde Aufträge abschließen, ausgehend von Basiswaren, die ich häufig brauche. So könnte ich beispielsweise alle zwei Monate vier Paar Socken zugeschickt bekommen, oder eine Auswahl an Handschuhen, wenn es Winter wird. Natürlich entscheide ich als Kunde, ob ich die Ware kaufen will oder nicht. Der Prozess ist also nicht völlig entmenschlicht."

Werden wir erleben, dass reine KI-Unternehmen mit Unternehmen konkurrieren, die von Menschen geführt werden?

Das scheint mir eher unwahrscheinlich. Indem Unternehmen in KI investieren, werden sie wettbewerbsfähiger und effizienter, denn sie machen sich sowohl Fähigkeiten des Menschen als auch die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz zu Nutze. Vergleicht man Unternehmen, die auf KI zurückgreifen mit denen, die es nicht tun, glaube ich, dass die letzteren verlieren werden. Wenn Zalando nicht weiter in KI investiert, würden wir über kurz oder lang die Wettbewerbsvorteile verlieren, die wir durch die Nutzung künstlicher Intelligenz und durch maschinelles Lernen erworben haben.