Wettbewerbsfähig nur mit Künstlicher Intelligenz

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Urs Bergmann, Research Lead bei Zalando Research, über die wachsende Bedeutung von KI und wie Europa gegenüber China und den USA aufholen kann

Einen Moment muss Urs Bergmann, 38, überlegen. Immerhin ist es schon einige Jahre her, seit er begann, sich für Künstliche Intelligenz zu interessieren. “Ich war 13”, erzählt er, “da begann ich die ersten Bücher über neuronale Netze zu lesen.” Aus dem Interesse wurde bald mehr: eine Berufung.
 

Geführt hat ihn das zu Zalando, wo er in der Research Abteilung zwei Teams leitet. Das eine ist das Team Advanced Image Manipulation. “Da geht es, vereinfacht gesagt, darum, dass Maschinen aufgrund eingegebener Daten, zum Beispiel Bilder von T-Shirts, lernen, neue Bilder von T-Shirts zu generieren. Diese ähneln den ersten – ein Schritt Richtung maschineller Kreativität”, sagt er. Sein anderer Bereich ist Intelligent Control. Digitale Systeme lernen dort selbstständig mit der Umwelt umzugehen. Diese Systeme etwa können Kunden besser verstehen und bessere Empfehlungen für interessante Artikel geben.

Urs, woher kommt deine Verbindung zum Thema Künstliche Intelligenz?

In kleinerem und größerem Ausmaß beschäftigt mich das Thema schon sehr lange. Ich habe Physik studiert und schon davor mit Informatik geliebäugelt. Meine Doktorarbeit habe ich schließlich über neuronale Netzwerke in der Hirnforschung geschrieben. Ich habe mich dem Thema eigentlich immer eher von der biologischen Seite genähert, bei Zalando nehme ich nun vor allem die Ingenieursperspektive ein und forsche vor allem an Anwendungsfeldern.

Wie entwickelt man eine Affinität für das Thema?

Durch meinen älteren Bruder bin ich vor vielen Jahren zu den neuronalen Netzwerken gekommen. Ich war noch ein Teenager und habe das notwendige mathematische Rüstzeug zum tieferen Verständnis noch nicht gehabt, aber fand das alles total spannend. Ich mochte es schon immer sehr, Welten zu erschaffen. Als Jugendlicher beispielsweise habe ich Computerspiele programmiert. Künstliche Intelligenz ist dann sozusagen einen Schritt weiter: Man erschafft etwas, das sich in Welten zurechtfinden kann.

Welchen Stellenwert besitzt das Thema bei Zalando?

Künstliche Intelligenz ist bei Zalando ein aktuelles Schwerpunktthema, das an mehreren Fronten, von Infrastruktur bis hin zu Forschung im anwendungsorientierten, akademischen Rahmen betrieben wird. So arbeiten zum Beispiel im Bereich Machine Learning etwa 120 Forscher bei Zalando.

Was sind Hauptfelder, an denen wir arbeiten?

Insgesamt lassen sich die Felder in zwei große Themengebiete teilen. Erstens: Businessoptimierungen. Hierunter fallen zum Beispiel Optimierungsprozesse in der Logistik oder Betrugsfalldetektierung. Zweitens zielen sehr viele Produkte auf persönliche Relevanz beim Kunden ab. Hierzu gehören zum Beispiel Artikelempfehlungssysteme oder Größenempfehlungen, aber auch Personalisierung des Einkaufserlebnisses, die Suche, oder ein Outfitempfehlungssystem.

Künstliche Intelligenz ist bei Zalando ein aktuelles Schwerpunktthema, das an mehreren Fronten, von Infrastruktur bis hin zu Forschung im anwendungsorientierten, akademischen Rahmen betrieben wird.

Du bist momentan Teilnehmer einer Expertengruppe der Europäischen Kommission, die das Thema Künstliche Intelligenz in der EU diskutiert und vorausdenkt. Was genau ist das Ziel der Expertengruppe?

Vertreter aus der Wissenschaft (Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften), der Zivilgesellschaft und der Industrie kommen dabei zusammen. Das Ziel ist es, das Thema Künstliche Intelligenz in Europa voranzutreiben, sowie direkte Empfehlungen für die Zukunft zu geben – etwa bei Gesetzen und Regelwerk, Investitionen, aber auch um ethische Richtlinien zu entwickeln.

Warum ist Zalando bei dieser Expertengruppe dabei?

Ich denke, weil wir als europäisches Unternehmen fast schon eine Ausnahme sind. Wir sind im Internet sehr schnell sehr groß geworden und setzen dabei auch auf Künstliche Intelligenz. Da gibt es in Europa im Vergleich nicht sehr viele Andere, und wir können mit unserer Expertise zur weiteren Entwicklung beitragen.

Die Europäische Kommission setzt darauf, durch ethische Richtlinien und einem europäischen Verständnis von KI bei den Bürgern Vertrauen aufzubauen.

Was passiert bei diesen Expertentreffen genau?

Im Prinzip gibt es zwei große Arbeitsbereiche. Einer beschäftigt sich mit ethischen Fragen, der andere mit Fragen des Regelwerks und Investments seitens der EU. Die Europäische Kommission setzt darauf, durch ethische Richtlinien und einem europäischen Verständnis von KI bei den Bürgern Vertrauen aufzubauen. Die Anwendung von KI auf der Basis gemeinsamer europäischer Werte und ethischen Grundüberzeugungen können zum Differenzierungsmerkmal für die EU werden. Einen ersten Entwurf hat die Expertengruppe am 18. Dezember 2018 veröffentlicht und bis Anfang Februar zur Diskussion gestellt. Die Investitionen wiederum sollen massiv ausgebaut werden – die Frage, die dabei auch diskutiert wird, ist, wie damit ein möglichst positives Ergebnis erreicht werden kann. Beide Arbeitsbereiche tragen dazu bei, die EU wettbewerbsfähiger zu machen.

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Weil die EU im Vergleich zu China und den USA einiges aufzuholen hat?

Zurzeit sind ganz klar Unternehmen aus den USA führend. Doch auch China investiert unheimlich viel. Sie haben den Plan, in einigen technologischen Bereichen bis 2030 Weltmarktführer zu sein, KI gehört dazu. In Europa haben wir viele exzellente Wissenschaftler in der Künstlichen Intelligenz. Ein Problem ist, dass viele von ihnen von außereuropäischen Firmen abgeworben werden.

Ist Europa, wie zur Zeit diskutiert, schon abgehängt?

Es gibt viele Teilbereiche der KI, in denen wir gut aufgestellt sind. Insbesondere die Kombination von KI mit z. B. unserer starken Maschinen- und Fahrzeugindustrie verspricht großes Potenzial. Eine große Herausforderung ist allerdings die Nutzbarmachung moderner Methoden im maschinellen Lernen- schließlich können sich mittelständische Unternehmen keine großen Teams aus Datenwissenschaftlern leisten. Selbst DAX-Konzernen fällt es mitunter schwer, genügend hochqualifiziertes Personal in diesem Gebiet anzuziehen. Es steht zu befürchten, dass daran auch die deutsche KI-Strategie nicht viel ändern wird, die vergangenen Dezember vorgestellt wurde, da sie zu wenig Fokus auf Neuronale Netze bzw. Deep Learning legt, auf welchen die allermeisten signifikanten Durchbrüche dieses Jahrzehnts beruhen.

Welchen Weg sollte Europa einschlagen, um Künstliche Intelligenz weiter voranzutreiben?

Da die aktuell eingesetzte KI im Wesentlichen auf Deep Learning aufbaut, sollte vor allem dieser Bereich ausgebaut werden. Methoden aus diesem Bereich benötigen hauptsächlich drei Faktoren: Erstens: sehr viele Daten. Zweitens: sehr viel Rechenkapazität auf Spezialprozessoren. Und drittens: gut ausgebildetes Personal. Darauf aufbauend sollte Europa Wege finden, um alle drei Faktoren zu begünstigen, z.B. durch Weiterbildungsprogramme, Zuwanderungsgesetze oder Zugänglichmachung von großen und hochqualitativen Daten.

Und die Expertengruppe der Europäischen Kommission kann das anstoßen?

Ich glaube, dass sie sehr sicher einen Impact haben wird. Die Gruppe ist von der Europäischen Kommission eingesetzt worden, und deckt ein breites Spektrum an Meinungen der Gesellschaft ab. Die Europäische Kommission hat außerdem erkannt, dass Handlungsbedarf besteht. Denn, über eines sind sich im Grunde alle einig: In Zukunft kann fast kein europäischer Industriezweig ohne den Einsatz Künstlicher Intelligenz wettbewerbsfähig bleiben.


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