“Gemeinsam Großes leisten”: Im Gespräch mit Stacia Carr

Zalandos Leiterin des Bereichs Engineering über ihr Spezialfeld Sizing, ihre Rolle als Vorbild für Frauen in Tech und Ehrgeiz.

Es ist ein scheinbar endloser Sommer in Berlin – aber kein Problem für gebürtige Kalifornierin Stacia Carr, die einst vor der Kälte New Yorks zurück in ihre Heimat zurückkehrte, um mehr über die damals noch junge Tech-Szene zu lernen. Bevor Stacia im März 2016 schließlich zu Zalando kam, leitete sie Engineering-Teams bei SoundCloud, Sony, Listen.com CMJ und Kink.com. Die Absolventin der Berklee School of Music hat auch mit dem Sizing-Team bei Zalando Großes vor. Was genau? Das verrät sie uns im Gespräch.

Stacia Carr Engineering Director Sizing
Director of Engineering, Stacia Carr.

Stacia, wie bist du an den Punkt gekommen, an dem du heute bist als Ingenieurin und Innovatorin?

Ich bin damals in Nordkalifornien in einem Ort aufgewachsen, in dem es wenig Einschränkungen gab, sondern eher viel Raum für Fantasie und Innovation. 'Wir haben es immer so gemacht' war dort eher ein 'Aber haben wir es schon mal auf eine andere Weise versucht?' Ich bin jetzt 46 Jahre alt – also auch aufgewachsen in einer Zeit, in der die Technologie begann in unsere Häuser zu kommen. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Computer, einen Apple. Ich hatte Computerprogrammierzeitschriften, die Codeskripte  auf der Rückseite hatten, mit denen man dann herausfinden konnte, wie alles funktionierte. Das war alles der Anfang.

Du hast auch einen musikalischen Hintergrund.

Richtig. Zuerst Klassik, dann Jazz, 1990 ging ich schließlich an das Berklee College of Music. Die digitale Technologie veränderte damals die Musik. Ein Laie konnte plötzlich elektronisch Sounds erzeugen, die der analogen Musik ähnlich waren, aber viel günstiger. Ich habe gesehen, wie sehr die Digitalisierung eine Kraft für eine Demokratisierung sein kann. Wow, da wurden mir die Möglichkeiten so richtig klar.
Nach Berklee arbeitete ich eine Weile in der Musikindustrie in New York, aber die Eroberung der digitalen Welt ging dort ziemlich langsam voran. Ein paar Freunde von mir waren nach San Francisco gezogen und sagten: ‘Du musst nach Kalifornien kommen und im Technologiebereich arbeiten.’ Das war 1997.

Wie war die Zeit damals?

Es war eine andere Zeit. Verglichen mit heute gab nicht so viele Leute, die bereits im Techbereich arbeiteten. Ich denke, das Thema Tech zog dann eine Gruppe von Menschen an, die aufgeschlossen, neugierig und sehr tolerant war. Für mich fühlte dieser Weg auch richtig an. Ich wusste damals nicht wirklich, was ich tat, aber ich wollte schnell lernen.

Und du hast gelernt, voranzugehen.

Ich lebte und arbeitete 15 oder 16 Jahre lang in San Francisco und übernahm nach und nach immer mehr verschiedene Rollen. Leadership kam auch hinzu, als ich erkannte, dass Kommunikationsfähigkeiten und die Fähigkeit, auch empathisch zu handeln, sich als sehr wertvoll erwiesen. Mich interessierten Themen wie: Was bedeutet Führung? Wie entwickelt man Technologie weiter und führt gleichzeitig Menschen? Das ist seit 10 bis 15 Jahren ein wichtiger Teil meine Reise.

Zalando SE Tech Headquarter Berlin Mollstrasse
Zalando Tech, Berlin

Wann begann deine Geschichte mit Zalando?

Ich arbeitete bereits in Berlin, als ich hörte, dass es eine Firma namens Zalando gab, die Tech-Talente bei sich versammelte. Ich sagte: "Zoo-Land – was?" Ich schaute nach, wer den Engineering-Bereich leitete, und es war Eric Bowman, jetzt VP Engineering. Wir kannten dieselben Leute im Silicon Valley und trafen uns zum Mittagessen. Im Grunde warb er mich dann direkt vor Ort an.

Was hat dich an Zalando in diesem Moment fasziniert?

Was ich wirklich liebte, war dieser verrückte Ehrgeiz: ‘Wir werden 2.000 Software-Ingenieure einstellen’ und, ‘Wir werden das Betriebssystem für Mode sein’. Ich dachte: Das ist es, wonach ich suche! Ich kann etwas beeinflussen und verändern, nicht nur den Zalando Fashion Store, sondern auch die Entwicklung von Menschen. Die Leute reden nicht oft darüber, aber wir bilden hier die nächste Generation Unternehmer in Europa aus. Das ist es, was an unserer Reise so wichtig ist. Europa braucht eine große digitale Präsenz. Ich möchte das Thema weiterverfolgen und bin dafür am richtigen Ort.

Du kümmerst dich um das Thema Sizing bei Zalando. Ist das nicht sehr komplex und unglaublich ehrgeizig?

Auf jeden Fall. Sizing und die richtige Passform sind ein sehr komplexes Thema, sowohl technisch als auch emotional. Wie können wir Produkte entwickeln, die nicht nur Menschen helfen, das zu finden, was auf Anhieb passt, sondern, dass sie sich auch darin wohlfühlen? Und wie bereiten wir darüber hinaus den Weg für die optimale Anpassung für jede einzelne Person? Wenn du uns deine Körpermaße mitteilst und wir deine Passformpräferenzen kennen, könnten wir es dir ermöglichen, auf Wunsch maßgeschneiderte Mode zu erhalten. Das ist ein langer Weg. Aber zu wissen, dass Zalando eine Chance hat, das zu erreichen, macht es wirklich spannend, hier zu sein.

Würdest du sagen, dass es in der Vergangenheit bereits viele Veränderungen in der Technologielandschaft gegeben hat?

Es gibt ein Muster, das ich liebe: Menschen, die innerhlab des Technologiebereichs eher in der Minderheit sind, kommen zusammen und bilden Gemeinschaften: homosexuelle Communities, verschiedenfarbige Menschen, Frauen… Ich denke, wenn all diese Gemeinschaften beginnen zusammen etwas voranzutreiben, kann das sehr viel Impact auf die Gesellschaft haben.  

Du bist eine aktive weibliche Stimme in der Tech-Community. Warum ist dir das so wichtig?

Cindy Gallop ist eine meiner Helden, und sie sagte einmal dieses tolle Zitat: ‘Wenn du es nicht siehst, kannst du es nicht sein.’ Das traf mich im Herzen, weil ich das Gefühl hatte, dass es bis dahin kein weibliches Vorbild im Tech-Bereich gegeben hatte. Um wirklich sicherzustellen, dass wir so viele Frauen wie möglich in den Techbereich bringen, müssen wir mehr Frauen haben, die ihrer Zeit voraus sind, um ihre Erfahrungen zu teilen. Meine Hoffnung ist, dass Frauen, wenn wir mehr reden und eine gemeinsame Basis schaffen, viel schneller vorankommen können. Wir werden mehr Frauen in Führungspositionen sehen; gerade dort müssen wir wirklich die Situation verbessern.

Welchen Rat könntest du Frauen geben, die gerade am Anfang stehen?

Ich würde sagen: Alle deine Zweifel und kritischen Fragen sind völlig normal. Es geht um die Beziehung zu dir selbst und wie du mit deiner eigenen kritischen Stimme umgehst.  Ich sehe, wie dieses Thema Frauen behindert. Also zögere nicht. Nimm dich des Themas an. Wenn du eine Kollegin siehst, die auch damit kämpft, hilf ihr. Ich glaube, das ist eine gute Message!

Stacia Carr tritt heute Abend bei The Sistership! auf, einer Reihe von Gesprächen mit Frauen in der Technologie. Sie ist zu Gast mit Anne Kjær Riechert, CEO und Mitbegründerin der ReDI School of Digital Integration. Gastgeberin ist die Mitgründerin und CEO von The Family’s, Alice Zagury.


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