"Wettbewerbsvorteil durch Nachhaltigkeit"

Logistikexperte Prof. Frank Straube von der TU Berlin über nachhaltige Logistik im Onlinehandel sowie Chancen und Herausforderungen auf der letzten Meile

Prof. Frank Straube, der das Fachgebiet Logistik an der TU Berlin leitet, ist national und international ein viel beachteter Experte. Mal spricht er auf Konferenzen über die Themen Omni-Channel, Last Mile und Nachhaltigkeit, dann ist er Teil einer Expertengruppe, die das Ziel hat, gemeinsam mit der deutschen Industrie und Politik Arbeitsplätze in Afrika zu schaffen und durch smarte Lösungen neue Logistikstrukturen aufzubauen. Zwischendurch nimmt er sich die Zeit, um mit uns über die Herausforderungen und Chancen der letzten Meile zu sprechen.

Durch die zunehmende Popularität des E-Commerce werden auch mehr Pakete ausgeliefert. Wie dringend und wichtig sind nachhaltige Lösungen beim Transport, etwa mit Blick auf die letzte Meile?

Die Optimierung der Zustellung auf der letzten Meile ist aus ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit dringend notwendig, da die Zustellung von Online-Bestellungen zunehmend eine Belastung ist – vor allem für Innenstädte. Transportkosten der letzten Meile machen inzwischen ca. 50 Prozent der gesamten Transportkosten aus.

Siehst du E-Commerce-Unternehmen in der Pflicht, in grüne Transportlösungen zu investieren?

 

Zumindest in der Pflicht, grüne Transportlösungen direkt von ihren Dienstleistern zu fordern und auch selbst aktiv mitzugestalten. E-Commerce-Unternehmen haben durch die Daten ihrer Kunden eine Transparenz über Kaufverhalten und Kundenpräferenzen, die genutzt werden kann, um Transport und Logistik nachhaltiger umzusetzen. Auch das Kundenverhalten kann aktiver gestaltet werden: Ich glaube zum Beispiel, dass gebündelte Zustellungen an anbieterübergreifende Paketboxen zunehmen werden, sodass die letzten Meter wieder von Kunden selbst übernommen werden und die Zustellung an der Haustür nicht mehr der Standard, sondern eine Mehrwertdienstleistung sein wird.

Prof. Frank Straube leitet das Fachgebiet Logistik an der TU Berlin

Wie bewertest du die Ansätze von Zalando?

Zalando als innovatives und datengetriebenes Unternehmen ist in einer guten Position, neue Liefer- und Zustellkonzepte aktiv mitzugestalten und hat in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass Kosten und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sein müssen.

 

Insgesamt sehe ich bei Zalando durch das eigene Betreiben von Distributionszentren und der Bereitschaft, Logistik selbst zu realisieren, hohe Einwirkungs -und Entwicklungsmöglichkeiten im Ökosystem Logistik. Das natürlich vor allem zusammen mit Partnern, wozu besonders auch die TU Berlin zählt. 

Als ein datengetriebenes Unternehmen

kann Zalando aktiv neue und nachhaltigere Lieferkonzepte gestalten

Wie könnte nachhaltige Logistik in Zukunft konkret aussehen?

CO2-neutrale Zustellfahrzeuge, Micro-City-Hubs und Sharing-Konzepte werden eine effizientere Logistik auf der letzten Meile ermöglichen. Daten von Kunden und Logistikdienstleistern werden einerseits dazu dienen, Transporte effizienter zu gestalten und andererseits auch Informationstransparenz zum Kunden ermöglichen, um aufzuklären, welche ökologischen Auswirkungen ihr Verhalten hat.

Und: Flexible Kundenwünsche müssen extra kosten. Es können sich auch neue dynamische Preisbildungsmechanismen entwickeln. Die meisten E-Commerce Bestellungen erfolgen am Wochenende, sodass Auslieferungen am Anfang der Woche überwiegen. Es könnten preisliche Anreize geschaffen werden, um eine Zustellung in der zweiten Wochenhälfte zu forcieren und damit die Ballung am Wochenanfang zu verringern.

Glaubst du, dass nachhaltige Lieferangebote zukünftig gar die Kaufentscheidung beeinflussen können?

Ja, mit Sicherheit werden Kunden hierauf stärker achten und Transparenz einfordern. Die aktuell weltweite Mobilisierung für Nachhaltigkeit zeigt den hohen Stellenwert des Themas in der Bevölkerung. Insbesondere Unternehmen mit direktem Kundenkontakt, die nachhaltige Lieferangebote bieten, können so einen Wettbewerbsvorteil generieren.

Viele Unternehmen, gerade der Konsumgüterindustrien, kommunizieren offen über Lieferwege sowie über gute und zu verbessernde Nachhaltigkeitspotenziale, die einen positiven Effekt auf die Kundenbindung haben.

 

Die TU Berlin und Zalando kooperieren seit einigen Jahren bei verschiedenen Themen. Dazu zählen unter anderem: 

  • Betreuung von Praxis-Abschlussarbeiten
  • Exkursion nach Erfurt ins Logistikzentrum
  • Vortrag auf dem Tag der Logistik
  • Praxisvorträge in Lehrveranstaltungen
  • Ausschreibung von Praktika und Abschlussarbeiten von Zalando auf der Homepage der TU

 

Wie sollten Unternehmen gerade aus dem E-Commerce in Zukunft agieren?

Experimentierfreudig Neues ausprobieren und hierbei auf offene Innovationsansätze sowie datengetriebene Validierung der Tests setzen. Als Zalando oder anderes Unternehmen würde ich noch mehr die Frage nach dem Nutzen meines unternehmerischen Handelns für Kunden und Gesellschaft in den Fokus stellen.

Dieser geht über das Angebot eines dynamischen Marktplatzes, einer schnellen Produktlieferung und attraktiver Zusatzservices weit hinaus und differenziert von anderen Plattformanbietern, die ja teils die identischen Produkten anbieten. In diesem Denkansatz bekommt eine nachhaltige Logistik in vernetzten, intelligenten, datenbasierten Netzwerken der Zukunft eine Schlüsselrolle und eine neuartige Bedeutung als Wirtschafts- und Erfolgsfaktor.